Informationsflut zum Thema Ernährung

Sind Sie auch auf der Suche nach Tipps, wie sich Kinder gesund ernähren? Leider führen viele Ratschläge nicht dazu, dass Kinder ein unbeschwertes Essverhalten entwickeln – ganz im Gegenteil. Das macht uns manchmal richtig wütend! Eine ehrliche Stellungnahme zu zwei Medienartikeln. Und ein Appell für mehr Vertrauen am Esstisch.

Antenne Niedersachen – oder die Frage: Wie kriege ich Gemüse ins Kind?

Der Ernährungsexperte Patric Heizmann hat für Antenne Niedersachsen Tipps zusammengestellt, wie Eltern ihren Kindern helfen können, sich gesund zu ernähren.

Der „Expertentipp“ 1:

Erst nach dem gesunden Essen und nach einem gesunden Gemüseteller gibt es etwas Süßes.

Unsere Haltung:

Gar keine gute Idee! Denn auf diese Weise nehmen wir Kindern erst recht die Lust auf Gemüse. Warum? Das gesunde Essen wird mit Druck und Zwang assoziiert („Das muss ich jetzt essen, sonst bekomme ich nichts Süßes“). Übrigens gibt es Experimente, die zeigen, dass Kinder den Begriff „gesund“ mit „schmeckt mir eh nicht“ verknüpfen. Und die Süßigkeit nach dem Gemüseteller? Die sehen Kinder als Belohnung an, sie werten sie positiv auf. Egal, ob ein Kind noch hungrig ist oder nicht: Es wird die Süßigkeit essen – im Sinne von: „Das habe ich mir verdient!“ Deswegen, liebe Eltern: Belohnungs- und auch Bestrafungsmechanismen haben am Esstisch nichts zu suchen.

„Erst das, dann das“-Sätze wirken sich negativ auf die Körperintelligenz aus. Die Konsequenz: Es werden bestimmte Muster und Gewohnheiten verinnerlicht, die wir auch als Erwachsene kennen: Nach einem anstrengenden Tag gönnen wir uns eine Tafel Schokolade – die haben wir uns verdient! Diese Belohnungsmechanismen stören die Intuition, denn wir beachten in den meisten Fällen Hunger und Sättigung nicht mehr. Unser innerer Ernährungskompass gerät aus dem Gleichgewicht.

…und wie macht es das intuitive Kind?

Kinder, die im Einklang mit ihren Körpersignalen stehen und darauf vertrauen dürfen, beginnen ihre Mahlzeit manchmal mit dem süßen Nachtisch. Meistens passiert das immer dann, wenn sie sehr hungrig sind. Der Körper sagt: „Bitte schnell Energie!“ Nach ein paar Löffeln Pudding oder Eis spüren sie dann intuitiv: „Ja, das gibt mir zwar Energie, macht mich aber gar nicht satt.“ Statt Pudding greifen sie dann zu Nudeln, Brot oder Kartoffeln – und essen sich satt. Und der Nachtisch? Bleibt dann in den meisten Fällen stehen. „Keinen Hunger mehr!“

Der „Expertentipp“ 2:

Den Druck rausnehmen! „Kinder orientieren sich daran, wie sich ihre Eltern ernähren. Ernährt ihr euch also gesund und geht mit gutem Beispiel voran, werden sich irgendwann auch eure Kinder daran orientierten.“

Unsere Haltung:

Bedeutet das dann, dass ich als Elternteil nur noch Gemüse essen darf? Grundsätzlich ist es richtig, dass Eltern beim Thema Essen eine Vorbildfunktion haben. Und natürlich prägt es Kinder im negativen Sinne, wenn die Eltern beispielsweise häufig Diät machen oder am Esstisch viel über Kalorien oder Fettgehalt diskutiert wird. Kinder sind in puncto Ernährungswissen nicht so vorgeprägt wie Erwachsene: Ihre natürliche Körperintelligenz prägt ihr Essverhalten – wenn wir ihnen vertrauen. Statt also über „gesund“ und „ungesund“ zu sprechen, sollten wir den Kindern in puncto Hunger, Sättigung und Bekömmlichkeit ein Vorbild sein. Sie selbst haben mal keinen Hunger? Dann genießen Sie trotzdem die Familien-Zeit am Esstisch – auch ohne etwas zu essen. Es gibt Lebensmittel, die Ihnen nicht gut bekommen? Dann reden Sie mit Ihrem Kind darüber! Ihr Kind spricht häufig von gesunden und ungesunden Lebensmitteln? Dann sensibilisieren Sie es dafür, dass gesund immer genau das ist, was wir gerne essen und was uns guttut. Jedes Kind, das körperlich und seelisch im Gleichgewicht ist und eine bunte Vielfalt am Esstisch kennengelernt hat, wird sich auf diese Weise ausgewogen ernähren.

Der „Expertentipp“ 3:

Im Mama-Talk Podcast von Antenne Niedersachsen erzählen zwei Mütter, dass es doch eine prima Idee ist, Gemüse zu pürieren und unter die Tomatensauce zu mischen.

Unsere Haltung:

Warum dürfen Kinder nicht wissen, was sie essen? Und wie soll ein Kind lernen, welche Lebensmittel ihm gut bekommen, wenn der Brokkoli heimlich und unerkannt in der Tomatensauce verschwindet? Wenn ein Kind eine Gemüsesorte ablehnt, gibt es keinen Grund, warum es dieses Gemüse dann essen sollte. Denn: Der Körper lehnt es intuitiv ab – und das ist ein klares Körpersignal! Bleiben wir beim Brokkoli-Beispiel: Dieses grüne Gemüse, das als so gesund gilt, enthält einen Stoff, der die Schilddrüsenaktivität senkt, wenn der Körper ihn nicht gut verstoffwechseln kann. Das kann sich, bei schlechter Bekömmlichkeit, negativ auf die geistige Entwicklung von Kindern auswirken. Also bitte nicht pürieren, sondern den Kindern am Esstisch vertrauen schenken!

Jetzt auch wissenschaftlich fundiert: Wie Eltern ihren Kindern gesundes Essen schmackhaft machen können

Die Neue Zürcher Zeitung berichtet über eine Studie, in der Forscher herausgefunden haben wollen, wie man Kinder dazu bringt, ungeliebte Speisen zu probieren. Die Motivation der Forscher: eine Lücke füllen. Denn Eltern werde häufig gesagt, was Kinder essen sollten, aber nicht, wie sie sie dazu bringen könnten.

Zu Beginn des Artikels steht: „Kinder essen nicht unbedingt die gesündesten Lebensmittel. Amerikanische Forscher haben nun untersucht, was sie dazu bringt, eine zunächst ungeliebte Nahrung dennoch zu verspeisen. Am grössten war der Erfolg, wenn die Kinder das Essen wiederholt angeboten bekamen und ihnen zusätzlich gesagt wurde, welchen Nutzen es für sie hat.“ Und weiter: „Quinoa-Körnchen und Linsen liegen eher nicht auf dem klassischen Kinderteller. Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass Kinder eher bereit sind, neue Lebensmittel zu probieren, wenn sie diese öfter angeboten bekommen. Positiv wirkt sich demnach auch aus, wenn Kinder für das Essen gelobt werden oder wenn Erwachsene gut über eine Mahlzeit sprechen und zum Beispiel sagen: «Das ist lecker».“

Unsere Haltung:

Gesunde Ernährung ist individuell! Dieser Aspekt wird überhaupt nicht berücksichtigt – und das ist mehr als schockierend. Während manche Menschen für ihr Leben gern Spinat essen, lehnen andere ihn intuitiv ab. Warum dürfen wir nicht darauf vertrauen, wenn unser Körper eine klare Abneigung signalisiert? Weil Spinat gesund ist? Weil Spinat uns groß und stark macht? Im Rahmen der Studie werden Kinder gezwungen, an zwei Tagen in der Woche ungeliebtes Essen zu probieren, beispielsweise grüne Peperoni und Quinoa.

Wir finden: Kein Kind sollte gezwungen werden, etwas zu essen, was es nicht mag!

Und: Ist es nicht die Aufgabe der Medien, derartige Studien zu kritisieren – statt positiv zu berichten und Eltern auch noch konkrete Tipps an die Hand zu geben, wie das ungeliebte Gemüse endlich im Kind landet?

A propos Tipps: Die Forscher stellten im Rahmen dieses fragwürdigen Versuchs fest, dass es sich positiv auswirkt, wenn Erzieher ein Gericht besonders anpreisen – im Sinne von: „Die Linsen helfen Dir, besser zu wachsen und schneller zu laufen.“ Oder indem sie betonten, dass Obst und Gemüse sie vor Krankheiten schütze. Das ist eine klare verstandsorientierte Herangehensweise, die inzwischen viele Experten kritisieren! Wir achten nicht mehr auf uns und unsere Körpersignale, sondern denken plötzlich ständig darüber nach, was „gut“ für uns ist. Die Kinder beginnen, sich selbst zu hinterfragen: „Ich mag das nicht essen, aber Mama sagt, das ist gut für mich!“ Es ist nicht verwunderlich, dass Therapeuten Alarm schlagen, weil inzwischen immer häufiger Grundschüler mit Essstörungen therapiert werden müssen. Auch Orthorexie, der Zwang, sich nur gesund ernähren zu müssen, ist auf dem Vormarsch. Indem wir unseren Kindern erklären, was gesund für sie ist, helfen wir ihnen keineswegs, ein gesundes Essverhalten zu entwickeln.

Jedes Kind is(s)t anders. Und Vertrauen schafft die Basis für ein natürliches Essverhalten. Genauso wichtig: Eine bunte Vielfalt und viel Freude und Genuss am Esstisch!