Anne-Koegel

Nutella erlauben? …oder komplett verbieten? Zum Abendbrot? Auf keinen Fall! In der Brotdose für Kita und Schule? Nee, lieber nicht! Oder vielleicht doch? Unsere Partnerin Anne Kögel aus Dinklage, Mama von drei Kindern, hat einen persönlichen Erfahrungsbericht über ihren Umgang mit Nutella geschrieben. Ihr Fazit: „Die Kinder dürfen ihre eigenen Erfahrungen machen.“

Nutella hat bei uns in der Familie einen ganz besonderen Status. Erstmal ist es der Lieblingsaufstrich unserer Kinder und wird am liebsten direkt mit dem Löffel aus dem Glas genascht. Oft gibt es Streit, wer das Glas zum ersten Mal aufmachen darf, weil sich das Geräusch so toll anhört, wenn sich der Deckel von der Folie löst. Und: Bei uns zu Hause erfreut sich die „Mörtelfuge“ besonderer Beliebtheit. Mörtelfuge? Den Begriff haben wir tatsächlich aus dem Baugeschäft meines Mannes übernommen – und es bedeutet: Nutella wird ungefähr 5-7 mm dick auf das Brötchen gestrichen. Mindestens! Ehrlich gesagt: Da sträuben sich mir die Haare.

Nutella am liebsten wann immer es geht…

Leider habe ich selber dafür gesorgt, dass sich dieser Nutella-Hype bei meinen Kindern so entwickelt hat. Ich kann nicht mehr genau nachvollziehen, warum ich beim Thema Nutella nicht gelassen bleiben kann. Als Kind habe ich Nutella auch geliebt. Das Highlight bei uns: warmes Laugengebäck mit Nutella! Oder noch besser: Toast mit Nutella und oben drauf Cornflakes. Die beliebte Nuss-Nougat-Creme gab es nicht immer, denn meine Eltern haben sie selbst nicht gegessen. Trotzdem empfand ich sie als entspannt, wenn wir Kinder zugegriffen haben.

Schade, dass ich diese Gelassenheit im Nutella-Umgang mit meinen Kindern nicht übernehmen konnte. Ich vermute es lag einfach daran, dass der Zucker, das Palmöl, das Fett generell in den Medien so oft so schlecht wegkommen, dass ich aus Angst, meine Kinder könnten krank werden, versucht habe, das Nutella so weit wie möglich von ihnen fern zu halten. Ich habe den Verzicht-Hunger mit wahnwitzigen Regeln regelrecht provoziert.

Zunächst haben wir einfach nie Nutella eingekauft. Das ging ganz gut, solange die Kids noch klein waren. Waren sie aber woanders zu Gast, waren sie natürlich ganz heiß darauf. Zwischendurch hatten wir es ihnen dann immer mal wieder angeboten und irgendwann gab es die feste Regel, dass es nur am Wochenende Nutella gibt: jeweils Samstag und Sonntag, aber: nur auf einer Brötchenhälfte.

Vor ein paar Jahren vergrößerte sich dann unsere Familie (wir leben in einer Patchwork-Familie mit sechs Kindern) – entsprechend wurde der heimische Nutella-Vorrat aufgestockt. Die Wochenend-Regel blieb jedoch bestehen und alle hielten sich daran. Zum Abendbrot Nutella? Nein, das war für mich nicht vorstellbar. Auf das Pausenbrot für Schule oder Kindergarten Nutella? Um Gottes Willen – bloß nicht! Die Kinder sollen sich doch in der Schule konzentrieren können und nicht nur leere Kohlehydrate futtern, die sofort wieder verbraucht sind.

Es war der reinste Stress für mich

Einerseits wegen der ständigen Diskussionen mit den Kindern und andererseits, weil ich es ganz schlimm fand, dass für die Kinder Nutella (verständlicherweise) so begehrt war. Der Hunger darauf wurde immer größer – und so griffen die Kinder teilweise auch heimlich zu. Das war besonders schlimm für mich. Meine Kinder müssen schon heimlich naschen…Wie weit ist es gekommen? Ich hatte Nutella selber zu etwas ganz Besonderem deklariert und wollte ursprünglich etwas ganz Anderes mit meinen Regeln erreichen.

Es hat noch etwas gedauert bis ich es verstanden hatte…

…und diverse Verbote kamen hinzu. Ich habe das Nutella-Glas teilweise sogar versteckt. Puh! Wenn ich jetzt darüber schreibe, wundere ich mich selber über mich. Heute bin ich entspannter. Es gibt keine Nutella-Regel mehr – und genauso halten wir es auch bei allen anderen Lebensmitteln und Gerichten. Jeder isst, was ihm schmeckt und gut bekommt. Also auch Nutella zum Frühstück, Nutella zur Schule, Nutella auf so viele Brötchenhälften oder Brotscheiben wie sie wollen und Nutella zum Abendbrot.

Ich gebe zu: Es fällt mir (noch) sehr schwer, entspannt zu bleiben und darauf zu vertrauen, dass meine drei Lieben schon wissen, was gut für sie ist. Denn es ist ganz klar: Alle drei müssen anscheinend jetzt erstmal ihren Nutella-Verzicht aufholen. Unsere Umstellung ist jetzt ein paar Wochen her und dieser Aufhol-Prozess dauert noch an. Meine Kinder sind 7, 10 und 12 Jahre alt. Das, was ich durch meine Regeln in den letzten Jahren provoziert habe, ist wohl nicht in ein paar wenigen Wochen vorbei.

Also heißt es für mich VERTRAUEN, VERTRAUEN, VERTRAUEN. Gar nicht so einfach… Darum ist es umso schöner, wenn auf diesem Weg einige kleine Aha-Momente auftauchen. Kürzlich brachte beispielsweise mein Jüngster seine Brotdose aus der Schule wieder mit: Das Nutella-Brot war nur zur Hälfte gegessen, von der Kiwi fehlte aber jede Spur. Inzwischen höre ich auch häufiger „Ich bin satt“, obwohl das Nutella-Brot nur teilweise gegessen wurde. Früher wurde es komplett „runtergemampft“. Es war ja nicht klar, wann es wieder Nutella geben würde.

Vor allem aber werde ich immer entspannter und somit sind unsere gemeinsamen Mahlzeiten inzwischen deutlich gelassener. Das ist das Schönste daran und auch dafür lohnt sich das Vertrauen.

Ich selbst esse kein Nutella

Das tue ich schon lange nicht mehr – aus rationalen Gründen. Ich „weiß“ ja, dass Nutella so vermeintlich ungesund ist. Inzwischen habe ich es in den letzten Wochen immer mal wieder probiert und nachspürt, wie es für mich riecht, ob ich Lust darauf habe, wie es mir schmeckt und wie es mir bekommt.

Ich bin tatsächlich zu dem Schluss gekommen, dass es nicht mein Ding ist und meinem Körper nicht gut tut. Ich habe auf mich und meine Körpersignale gehört und nicht auf irgendwelche Studien bzw. die Medien, die diese veröffentlichen. Meine Körperintelligenz sagt mir, was gut für mich ist und dann ist es die richtige Entscheidung für mich. Gleichzeitig ist mir klar, dass ich nur für meinen eigenen Körper sprechen kann. Die Kinder dürfen ihre eigenen Erfahrungen machen und sollen vor allem entspannt mit allen Lebensmitteln umgehen dürfen – auch mit Nutella. Und wenn ich doch mal wieder Lust auf Nutella bekomme, werde ich es so richtig genießen.