Cornelia Gericke

Wie gehen eigentlich Erzieher mit dem Thema Ernährung um? Und wie erleben sie die Haltung der Eltern? Wir haben Cornelia Gericke, seit 2008 Leiterin des Montessori Kinderhauses in Überlingen, zu diesen Themen Löcher in den Bauch gefragt. Sie erklärt uns, warum sie Kinder niemals am Esstisch kontrolliert und warum sie die klare Haltung vertritt: „Lasst die Kinder entscheiden, was sie essen wollen!“

Frau Gericke, wie sieht für Sie persönlich eine gesunde Kinderernährung aus?

Cornelia Gericke: Zunächst: Es gibt ja viele Richtlinien zu gesunder Ernährung. Wir alle wissen, was wichtig ist und worauf man achten sollte. Ich habe früher auch versucht, mich an diesen Richtlinien zu orientieren. Mit all der Erfahrung, die ich in den letzten Jahren gesammelt habe, muss ich aber sagen: Lasst die Kinder entscheiden, was sie essen wollen. Natürlich immer mit einem wachsamen Auge, aber nicht mit der Haltung: Das ist gesund, das brauchst Du unbedingt! Denn wir erleben ja immer wieder, dass Regeln oder Empfehlungen zur gesunden Ernährung widersprüchlich sind oder sogar dementiert werden. Die Kinder spüren sehr gut selbst, was ihnen guttut und was sie brauchen.

Sie leiten das Montessori Kinderhaus in Überlingen und erleben in Ihrer Einrichtung häufig, dass Eltern sehr angespannt mit dem Thema Ernährung umgehen. Welche Ängste und Sorgen tragen Eltern zu diesem Thema an Sie heran?

Bei uns im Kinderhaus relativiert es sich ein bisschen, da wir in der Einrichtung ein sehr gutes Frühstück für Kinder anbieten. Die Sorge, die unsere Eltern oft umtreibt, ist: „Mein Kind bekommt nicht genug zu essen. Die Portionen sind zu klein, das Kind hat noch Hunger, es kommt nach Hause und sagt: Ich bin nicht satt geworden.“ Wir hatten den Fall, dass ein Kind zu Hause erzählt hat: Es hätte noch Hunger gehabt, aber es wäre kein Essen mehr da gewesen. Da erkläre ich den Eltern dann: Wenn ich da noch fünf Töpfe mit Spaghetti und Tomatensauce hätte, würden sie die auch aufessen. Wenn ich Gemüseauflauf habe, dann sind die Kinder auch satt und wollen oft keinen Nachschlag mehr. Das hat aber nichts mit der angebotenen Menge zu tun, sondern eher mit dem Leibgericht Spaghetti. Wenn es besonders gut schmeckt, animiert das natürlich, noch mehr zu essen. So begegnen wir diesen Ängsten. Die Eltern wissen aber grundsätzlich, dass wir uns relativ gut um die Ernährung kümmern.

Erwarten einige Eltern, dass Sie am Nachmittag über das Essverhalten des Kindes berichten?

Nein, zum Glück nicht, denn das würde ich auch ungern tun. Wir sind keine Kontrollanstalt, mir ist es wichtig, dass die Kinder mit Freude essen und nicht ständig dabei beobachtet werden. Die Eltern sehen aber natürlich den Speiseplan, den wir aushängen. Und dann versuche ich, das Thema den Eltern positiv zu vermitteln, im Sinne von: Alle Schüsseln und Teller sind leer! Das ist doch das beste Zeichen dafür, dass es den Kindern schmeckt. Und wenn das den Eltern nicht reicht, dann gibt es nur eine Lösung: zu Hause essen.

Was glauben Sie: Warum fehlt es Eltern beim Thema Ernährung oft an Gelassenheit und Vertrauen?

Das ist bedingt durch Medien und durch so viele Bücher und Ratgeber: ständig ist irgendwas anderes gesund und irgendwas anderes macht uns krank. Es sind so viele Informationen, dass leider niemand mehr auf sich selbst hört. Sondern es wird nach Empfehlungen gesucht und danach wird die Ernährung ausgerichtet. Das Gespür für den eigenen Körper geht dabei total verloren. Hinzu kommt der Vergleich mit anderen: „Was? Dein Kind isst kein Gemüse? Das kann doch nicht sein! Das ist doch total ungesund!“ Obwohl das natürlich niemand so genau sagen kann… Und dann denke man an die Großeltern, die es ganz anders gelernt haben und die sagen: „Du kannst Deinem Kind das doch nicht erlauben, das haben wir früher auch nicht gemacht.“

Jetzt ist ja gerade das Intervallfasten im Trend. Wenn ich 18 Stunden lang nichts esse und danach zum Schokoriegel greife, dann ist das gar nicht mehr so schlimm? Es kränkelt sehr in der Ernährung, finde ich.

Wie gehen Sie in der Einrichtung mit Süßigkeiten um? Verboten oder erlaubt?

Bei uns gibt es auch Süßes, zum Frühstück bieten wir beispielsweise Marmelade oder Honig an. Und dann feiert man mit 80 Kindern natürlich auch hin und wieder Geburtstag, da essen wir Muffins oder Kuchen. Ich muss Ihnen aber auch ehrlich sagen: Den reinen Zucker finde ich nicht enorm schlimm für die Ernährung. Wir brauchen ihn ja auch. Es kommt darauf an, wo er drinsteckt und ob ich ihn bewusst konsumiere oder nicht. Wenn ich Kaffee trinke und mir einen Löffel Zucker in die Tasse mache, dann finde ich das nicht dramatisch.

Haben Sie das Gefühl, dass die Kinder wissen, was gesund ist – und was nicht? Sprich, dass für sie Ernährung nicht nur ein Bauchgefühl ist, sondern sie das Thema durchaus auch verkopft ansehen?

Doch, das spielt schon eine Rolle. Wir hatten mal eine Aktion, die sich Das gesunde Brot nannte. Da wurde dann erklärt, was gesund ist und welche Lebensmittel die Zähne angreifen, das ist dann unter den Kindern schon ein Thema. Aber was bei uns ganz gut ist: Die Kinder bringen keine eigene Brotdose mit. Deshalb kommen wir nicht in die Situation, dass eine Brotdose besonders gesund oder besonders ungesund erscheinen mag. Die Kinder frühstücken alle dasselbe und dürfen frei wählen. Unsere Kinder kommen nicht auf die Idee, zu sagen: „Das ist aber nicht gut, was Du da isst.“ Oder: „Meine Mama hat gesagt, dass…“ Diese Themen haben wir nicht. Okay, der Eine will mal keine Tomaten oder keine Gurken, das ist ja nicht schlimm. Manche essen nur Butterbrot, das ist auch okay.

Haben Sie das Gefühl, dass die Kinder vielfältig essen? Oder bleiben manche beharrlich nur bei dem Butterbrot?

Das ist unterschiedlich. Viele Kinder lassen sich animieren durch andere, dass sie Neues einfach mal probieren. Und dann gibt es Kinder, die manche Sachen überhaupt gar nicht essen. Was sie inzwischen können, ist, dass sie die Obst- und Gemüsesorten benennen können. Und dann entscheiden: Das mag ich – oder eben nicht. Das ist mir zu süß, das ist mir zu sauer, was auch immer…

In einer idealen Welt: Was würden Sie sich wünschen, wie Eltern mit dem Thema Ernährung umgehen? Welchen Blick hätten sie auf das Thema?

Einfach einen deutlich entspannteren Blick. Wie bei allen anderen Themen übrigens auch. Eltern sind oft unter Stress, sie fühlen sich ständig verfolgt von neuen Informationen, die oft verunsichern. Ich würde mir wirklich wünschen, dass sie wieder mehr ihre Kinder sehen und deren Bedürfnisse erspüren. Ich habe den Verdacht, dass viele Mütter das Mama-Gen verloren haben. Sie wissen einfach nicht mehr, was Mama-Sein bedeutet: ob das die Ernährung, die Erziehung oder die Fürsorge betrifft. Es ist wichtig, dieses Gespür wiederzuerlangen und dafür einzutreten: Das bin ich! Das ist meine Familie! So machen wir das! Bei vielen Fragen empfinde ich Eltern als rigoros, vor allem beim Faktor Zeit. Wenn es um die Freizeitbeschäftigungen geht, muss alles nach Plan laufen: egal, ob das den Kindern passt oder nicht, ob sie Lust haben oder nicht. Man muss zum Judo oder zum Müttertreff. Auch beim Thema Ernährung hören wir nicht mehr auf uns, sondern es heißt oft: Du musst, Du musst, Du musst. Das finde ich so schade.

Ich wünsche mir Eltern, die die Dinge wieder lockerer und entspannter sehen. Aber ich verstehe auch, dass das nicht so leicht umzusetzen ist. Man macht es den heutigen Müttern sehr schwer, finde ich. Auch beim Thema Berufstätigkeit. Und gleichzeitig machen sie es sich selbst schwer, weil sie sich permanent unter Druck setzen. Aber vielleicht können Sie mit Ihrer Arbeit etwas bewegen – und es gibt bald eine Generation, die das Thema Ernährung gelassener und entspannter ansieht.