Unsere Haltung zum Buch

Wie lernt mein Kind, richtig zu essen? Ein riesiges Thema bei Eltern! Einige Bücher unterstützen unsere Sichtweise, Kindern in puncto Ernährung mehr Vertrauen zu schenken, wie beispielsweise „Mein Kind will nicht essen“ von Dr. Carlos Gonzales. Auch das Buch „Jedes Kind kann richtig essen“ vertritt einen vertrauensvollen Ansatz, die Autoren sprechen aber völlig konträre Handlungsempfehlungen aus. Das halten wir für fatal.

Im Buch wird einerseits empfohlen, Vertrauen zu schenken, da Kinder ein gut funktionierendes inneres Regelsystem hätten. Es wird beispielsweise angeführt, dass Eltern Lebensmittel nicht in gesund und ungesund unterteilen sollten. So weit, so gut. Das, was Eltern dann am Esstisch konkret umsetzen sollen, hat aber nicht mehr viel mit einer vertrauensvollen Haltung zu tun. Mit anderen Worten: Unter dem Deckmantel des Vertrauens wird Eltern empfohlen, eine bevormundende Haltung zu leben – und das ärgert uns! Wir stehen mit confidimus für Vertrauen am Esstisch, und zwar konsequent. Pseudovertrauen hilft unseren Kindern nicht, ein gesundes Essverhalten zu entwickeln.

Wir möchten ganz konkret auf einige Aussagen des Buches eingehen und unsere Sichtweise erklären:

Empfehlung: Der Speiseplan sollte sich an der Ernährungspyramide und dem Lebensmittel-Ampel-System orientieren.

Wie passt diese Empfehlung mit dem Aspekt des Vertrauens zusammen? Vielfalt ist wichtig, keine Frage. Sonst kann ein Kind nicht spüren lernen, was sein Körper gut verträgt, welche Lebensmittel es braucht. Jeder Mensch hat aber zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Vorlieben. Hinzu kommen genetische Präferenzen. Manche Menschen vertragen beispielsweise besser Fleisch als andere. Und Kinder können noch sehr gut spüren, was ihnen guttut und was nicht, wenn man sie frei wählen lässt und das Kind auch seelisch im Gleichgewicht ist. Das Problem an Ampeln und Pyramiden beginnt vor allem dann, wenn das Kind gerade nicht ampel- beziehungsweise pyramidenkonforme Wünsche hat.

Wie agiert man dann? Vertrauensvoll oder strikt? Beides geht nicht zusammen. Wir erleben immer wieder, dass Kinder an einem Tag sehr viel Süßes verlangen, an anderen Tagen dann plötzlich überwiegend Rohkost essen.

Vertrauen zu schenken bedeutet unserer Ansicht nach, sich von äußeren Regeln konsequent zu lösen. Im Buch wird argumentiert, dass man nur eine bestimmte Auswahl an Speisen zur freien Verfügung anbieten darf, wie Obst, Gemüse oder Nudeln. Andere sollten begrenzt werden, unter anderem Käse und Fleisch. Stellen wir uns das einmal konkret vor: Ein Kind sitzt am Tisch und möchte eine weitere Scheibe Käse, die das empfohlene Maß überschreitet. Sagen wir dann als Eltern: „Käse ist für heute genug, du darfst aber noch Nudeln haben.“ Es wird sogar empfohlen, dem Kind die Ernährungspyramide zu erklären, wenn das Kind mit dem Lebensmittel-Angebot nicht zufrieden ist. Hierdurch wird das Kind verkopft, das Spüren des Körpers rückt in den Hintergrund. Dies ist das Gegenteil von Vertrauen!

Auch wird argumentiert, dass man das Angebot von sehr fetten und süßen Speisen begrenzen muss, damit ein Kind die für sich richtige Ess-Entscheidung treffen kann. Daran glauben wir nicht und unsere Erfahrungen bestätigen unsere Ansicht. Statt Lebensmittel per se zu begrenzen oder zu verteufeln, halten wir es für deutlich zielführender, das Kind achtsam zu begleiten und zu reflektieren, ob das Kind gerade verstärkt Süßes verlangt, weil es einen hohen Energiebedarf hat oder weil es traurig, frustriert oder ihm langweilig ist. Nur bei dem letzteren Aspekt sollten Eltern eingreifen – dann allerdings auch nicht mit strikten Verboten, sondern bedürfnisorientiert, liebevoll und wertschätzend.

Aussage: „War die Ration an Fettem oder Süßem an diesem Tag oder in dieser Woche schon üppig, stellen Sie weniger oder gar nichts davon auf den Tisch. Oder Sie messen für jeden eine Portion ab.“

Auch hier: Diese Aussage hat nichts mit einer vertrauensvollen Haltung zu tun. Im Gegenteil: Das Reglementieren hebt die „eingeschränkten“ Lebensmittel auf einen Sockel und macht sie noch attraktiver. Und dieser Effekt ist kontraproduktiv. Wir haben unzählige Beispiele von Eltern und eigene Erfahrungen, die zeigen, dass Kinder sich bedürfnisorientiert ernähren können. Dass das Süßgetränk stehen bleibt, weil das Kind lieber Wasser trinken möchte. Dass den Gummibärchen tagelang keine Aufmerksamkeit geschenkt wird, nachdem das Kind eine größere Menge gegessen hat. Dass ein Eis mit der Begründung „Ich bin satt“ zurückgegeben wird. Wir dürfen Kindern also zutrauen, das für sich individuell richtige Maß zu finden. Es wird im Buch sogar empfohlen, keinen Vorrat an Süßigkeiten anzulegen, da ein freier Zugang für Kinder eine zu große Versuchung sei. Auch das hat nichts mit einer vertrauensvollen Haltung zu tun.

Ja, wir kennen auch Situationen, in denen noch eine zweite oder sogar dritte Portion einer Süßspeise verlangt wird. Dies gleicht sich aber immer wieder aus – vorausgesetzt, wir haben die Kinder nicht bereits durch Belohnungsmechanismen aus der Balance gebracht. Was uns zum nächsten Punkt führt.

Aussage: „Sie müssen nicht täglich etwas Süßes im Haus haben (…). Dafür darf dann bei besonderer Gelegenheit besonders geschwelgt werden.“

Es wird betont, dass man Kinder nicht mit Süßigkeiten belohnen soll. Aber löst nicht genau diese Empfehlung einen Belohnungsmechanismus aus? An einem Tag verknappe ich, dafür darf als Ausnahme hemmungslos geschwelgt werden? Ein Kind, welches in der Balance ist, isst am Geburtstag nicht mehr Süßes als an anderen Tagen. Warum auch? Sein Bedarf ist gedeckt, mit einem „Mehr“ würde es sich unwohl fühlen. Mit dieser Empfehlung wird unterbewusst Belohnungsessen gefördert und das ist absolut kontraproduktiv, besonders vor dem Hintergrund der Muster, die dadurch verinnerlicht werden.

Aussage: Drei feste Mahlzeiten und zwei Snacks am Tag – dazwischen konsequent nichts.

Wir verstehen, dass beispielsweise im Kita-Umfeld klare Strukturen herrschen, da dies die Abläufe erleichtert. Aber zu Hause? Ja, Kinder sind beim Essen häufig nicht bei der Sache, wollen schnell wieder zum Spielen oder empfinden gerade keinen Hunger. Kann man als Mutter oder Vater dann nicht mit etwas Fingerspitzengefühl reagieren?

Ein Beispiel: Einer meiner Söhne wünscht sich nach dem Abendessen – kurz vor dem Schlafengehen – noch ein Müsli. Ich versuche zunächst herauszufinden, wie wichtig ihm sein Wunsch tatsächlich ist. Und je nachdem, wie vehement Kinder einen Wunsch äußern, können wir dies als Eltern meist ganz gut spüren. Nun bin ich vielleicht auch selbst müde, weil ich gerade erst die Küche aufgeräumt habe. Also findet ein Abwägen der Bedürfnisse statt: mein Bedürfnis nach Ruhe oder sein Bedürfnis nach Essen. Bei einer guten Bindung zwischen Eltern und Kind lassen sich so wunderbare Lösungen finden, ohne dass ich mein Kind strikt auf drei Mahlzeiten und zwei Snacks „eintakten“ muss. Meine Erfahrung ist: Dennoch funktionieren gemeinsame Mahlzeiten in aller Regel wunderbar.

Aussage: Bei unangemessenem Verhalten des Kindes beenden Sie die Mahlzeit und räumen ab.

Auch dieser Tipp lässt Eltern wenig Spielraum. Die Frage, warum das Kind ein „unangemessenes Verhalten“ zeigt, spielt überhaupt keine Rolle. Wir haben in unseren Eltern-Coachings erarbeitet, dass Kinder beispielsweise nicht am Tisch sitzen bleiben, weil sie aufgrund ihrer Hochsensibilität die Gerüche des Essens schlecht aushalten können. Manche Kinder haben einen enormen Bewegungsdrang und für sie ist es eine Qual, still zu sitzen. Auch ein hohes Stresslevel oder ein Energieüberschuss können dazu führen, dass Kinder nicht ruhig am Esstisch sitzen.

Mit einem derart strikten Ansatz („Beenden Sie die Mahlzeit“) fühlt sich das Kind alleine gelassen mit seinem Problem. Es hat keinen Verbündeten in der Familie, der ihn versteht. Was einem Kind helfen würde: kreative, bedürfnisorientierte Lösungen. Vielleicht geht es besser, wenn das Kind einmal um den Tisch laufen darf, um danach weiter zu essen? Ist es möglich, den Tag anders zu strukturieren? Die Mahlzeiten zeitlich anders planen, mehr oder weniger Sport in den Tag einbauen?

Es gibt sehr viele Möglichkeiten und Stellschrauben, an denen Eltern ansetzen können. Aus unserer Sicht ist wichtig, das Kind empathisch zu begleiten und bedürfnisorientierte Lösungen zu finden.

Die Empfehlung, bei übergewichtigen Kindern Abnehm-Programme wie „Moby Dick“ oder „Obeldicks“ zu durchlaufen.

Hier sehen wir zwei Probleme: Zum einen ist bereits der Name derartiger Abnehm-Programme für Kinder eine Form der Stigmatisierung. Dem Kind wird suggeriert, dass es zu dick sei und deshalb nicht in Ordnung, wie es ist.

Genau hier beginnen häufig Teufelskreise aus Impulskontrolle, schambesetzem Essen und einer Minderung des Selbstwertgefühls. Dies kann emotionales Essen auslösen.

Das zweite Problem ist, dass Essen und Bewegung explizit mit dem Gewicht verknüpft werden. Das Kind soll gesund essen und sich viel bewegen, mit dem Ziel, abzunehmen. Jede Natürlichkeit, jedes Gespür für den Körper und seine Bedürfnisse geht dadurch verloren. Je weniger verstandsorientiert ein Kind mit seinem Körper umgeht, desto besser für sein inneres Gleichgewicht – und ein gesundes Körpergewicht. Solche Programme bewirken leider häufig genau das Gegenteil.

Die kindliche Perspektive: „Essen ist eine prima Gelegenheit für Löwenkämpfe. Essen verweigern ist ganz besonders spannend. Da bin ich stärker als Mama. Da kann ich sie erpressen!“

Einem Kind zu unterstellen, dass es solche Gedanken am Esstisch hegt, ist aus unserer Sicht eine fatale – und auch absolut falsche – Einschätzung. Kinder agieren nicht berechnend. Kinder wollen ihre Bedürfnisse erfüllen, ja – beispielsweise das Bedürfnis nach Autonomie. Aber Kinder wollen nicht in Machtkämpfe eintreten. Wer ist stärker? Wer setzt sich durch? Ein Kind verweigert Essen nicht aus Berechnung oder weil es sich auf Machtkämpfe freut. Und schon gar nicht, um seinen Eltern zu schaden.