Coach für intuitives Essen

Mal schnell ein paar Kilo abnehmen, um sich besser zu fühlen. Birgit Engert, Expertin für Somatische Intelligenz, berichtet im Interview, wie sie Frauen dabei hilft, eine Diätspirale zu durchbrechen – und wie sie als Mama selbst zu einem gelassenen Umgang mit dem Thema Ernährung gefunden hat.

Birgit, Du arbeitest als Trainerin für Somatische Intelligenz und vermittelst Frauen, die mit ihrem Körper und ihrem Essverhalten unzufrieden sind, einen völlig neuen Blick auf sich selbst und ihr Ernährungsverhalten. Kannst Du uns kurz Deinen Ansatz erläutern?

Birgit Engert: Ich helfe Frauen, mit alten Verhaltensmustern aufzuräumen und unterstütze sie dabei, sich in puncto Ernährung von Regeln, Dogmen und Verboten zu lösen. Gemeinsam rücken wir die eigenen Signale des Körpers wieder in den Mittelpunkt. Damit der Blick in den Spiegel wieder mit einem „Wow“ verknüpft ist. Das meine ich aber nicht oberflächlich. Mir geht es darum, die innere Haltung zu verändern. Und das bedeutet im ersten Schritt, sich ehrlich zu fragen: Wie geht’s mir eigentlich? Was brauche ich, damit es mir gut geht? Leider wird unser Alltag immer hektischer. Statt eine strenge Diät einzuhalten, was manchmal einfacher wäre, ist es viel nachhaltiger, wieder eine Verbindung zu sich selbst herzustellen.

Welche Feedbacks erreichen Dich von Deinen Kundinnen?

Eine Kundin sagte mir kürzlich: „Birgit, Du hast mein Leben verändert!“ Das ist natürlich die schönste Rückmeldung, die man kriegen kann. Die meisten Frauen kommen mit einem Abnehmwunsch zu mir. Im Laufe der Zeit ist ihnen ihr Gewicht aber gar nicht mehr wichtig. Dann stellen sie fest: Hey, ich laufe einem Schönheitsideal hinterher. Aber eigentlich geht’s doch darum, wie ich mich fühle. Ich möchte in den Spiegel schauen und denken: Ja, das passt! Und das gelingt am Ende des Coachings tatsächlich vielen meiner Kundinnen. Denn sie schaffen es, sich von Zwängen zu befreien und lernen, einen neuen, unbeschwerten Umgang mit dem Essen. Das ist viel nachhaltiger als jede Diät, denn das Gewicht pendelt sich in den meisten Fällen von selbst ein. Ohne, dass wir uns dafür disziplinieren oder besonders anstrengen müssen.

Aus Deiner Sicht: Warum ist das Thema Ernährung in unserer Gesellschaft so problembehaftet?

Das Thema ist sehr komplex. Es gibt nicht nur zahlreiche Ernährungsregeln, sondern auch etliche Trends und sogar ganze Bewegungen wie Paleo oder eine vegane Ernährungsweise. Die unglaubliche Informationsflut zum Thema suggeriert uns: Wir müssen etwas tun, um gesund und fit zu sein. Und wenn wir es nicht tun, stimmt etwas nicht mit uns. Die Folge: Wir starten die nächste Diät, versuchen, uns vegan zu ernähren und merken dann: Ich schaffe das nicht. Und dann geben leider die meisten Frauen sich selbst die Schuld, dass sie versagt haben.

Wie kann man diesen Teufelskreis durchbrechen?

Indem man wieder auf sich vertraut und Ernährungstrends links liegen lässt. Wenn ich sage: „Iss doch mal das, was Dir schmeckt und gut bekommt“ dann höre ich oft als Antwort: „Aber dann esse ich ja nur noch Schokolade!“ Das ist natürlich ein falscher Glaubenssatz. Zum Glück lässt er sich sehr schnell entkräften, wenn wir einfach mal den Selbsttest machen. In der Vorweihnachtszeit rate ich meinen Kundinnen beispielsweise: Esst bitte jeden Tag Plätzchen! Und irgendwann stellen sie fest: Die Plätzen hängen mir so langsam zum Halse raus. Genauso ergeht es uns, wenn wir sieben Tage lang nur Süßes essen.

Du bist selbst Mama. Hattest Du schon immer einen eher vertrauensvollen Blick auf die Ernährungsgewohnheiten Deiner Kinder? Oder war es auch für Dich ein Prozess, hier etwas mehr Gelassenheit zu entwickeln?

Bei meinem Sohn lief es eigentlich recht entspannt ab. Er hat alles probiert, wir haben viel frisch gekocht, wenig Süßes und kaum Fertigprodukte angeboten. Ich fand erstaunlich, dass er sich viel Abwechslung wünschte: Wenn es mittags in der Kita Nudeln gab, wollte er die abends nicht noch mal haben. Aber okay, nun bin ich zum Thema Intuition auch sehr gut informiert. Ich kann mir aber schon vorstellen, dass es viele Eltern stresst, wenn die Erzieher wie in meinem Fall sagen: „Ihr Kind hat ständig Hunger. Er hat heute das und das gegessen.“ Ich habe dann immer erwidert: „Ist doch schön, wenn er Hunger hat.“ Angst davor, dass er Übergewicht entwickeln würde, hatte ich ehrlicherweise nie. Mein Umfeld war da schon eher in Sorge, ich hörte häufig Dinge wie: „Da musst Du aber echt aufpassen, dass er nicht zu dick wird.“

Was geht Dir durch den Kopf, wenn Du Dinge liest wie: „Fünf Portionen Obst und Gemüse täglich!“ oder „Kinder sollten nur 300 ml Milch pro Tag trinken“?

Ich halte nichts von derartigen Verboten oder Einschränkungen. Und grundsätzlich finde ich Minimum-Regeln immer besser als Maximum-Regeln. Warum sollten Kinder nicht so viel Milch trinken, wie sie möchten? Ehrlicherweise gebe ich auf solche Empfehlungen gar nichts. Und wenn meine Kinder täglich nach Fleisch verlangen würden, dann wäre das für mich auch kein Grund zur Sorge. Essen ist Genuss, es soll Freude machen und wir sollten unseren Fokus viel mehr darauf legen, dass Kinder möglichst viele verschiedene Lebensmittel kennenlernen: Durch Geruch, durch das Anfassen oder durch die Kräuter auf dem Fensterbrett, die man selbst anbaut. Wenn da die ersten grünen Blättchen zu sehen sind, sind die Kinder unendlich stolz!

Wie stehst Du zum Thema Zucker und wie geht ihr als Eltern mit dem Thema Süßigkeiten um?

Das Thema Zucker wurde in den letzten Jahren ja immer größer, das hat schon auch etwas mit mir gemacht. Im ersten Lebensjahr haben meine Kinder keinen Zucker bekommen, ich habe in dieser Zeit viel mit Datteln oder Bananen gesüßt. Ich habe es auch vermieden, vor meinen Kindern zu naschen. Bei meinem Sohn habe ich dann aber festgestellt, dass er sich bei jeder Möglichkeit regelrecht auf Süßigkeiten gestürzt hat. Und klar ist: Die Kinder brauchen es. Inzwischen sehe ich es so, dass sich bei hohem Süßigkeitenkonsum ein Wachstumsschub ankündigt. Und in den meisten Fällen ist es tatsächlich auch so… Das hilft mir, damit gelassen umzugehen. Aber: Ich verstehe auch, wenn Eltern dem Thema Zucker mit Angst begegnen. Dennoch zeigt meine Erfahrung, dass der Zucker per sé nicht das Problem ist. Die Frage lautet eher: Warum essen manche Menschen exzessiv Zucker? Häufig stecken emotionale Defizite dahinter. Und genau da muss man aus meiner Sicht ansetzen statt den Zucker als Lebensmittel zu verteufeln.

Dir ist es wichtig, dass vor allem natürliche Lebensmittel auf den Familien-Esstisch kommen. Hast Du ein paar Tipps, wie Dir dies auch im manchmal hektischen Alltag gut gelingen kann? Man findet ja nicht immer die Zeit, beispielsweise Brot und Brötchen selbst zu backen…

Ich finde, dass man nicht immer alles selbst machen muss. Ich backe zum Beispiel selten Brot, aber ich achte darauf, dass ich Brot kaufe, das qualitativ hochwertig ist. Ich glaube, da muss man sich ein bisschen den Druck nehmen. Zum selbstgemachten Kartoffelpüree gibt’s bei uns auch die Würstchen aus der Packung. Aber „selbstgemacht“ bedeutet nicht immer, dass es mehr Zeit braucht. Ein Rohkost-Salat mit Apfel, Möhre und Zitrone ist super schnell gemacht. Es muss nicht immer alles perfekt sein und ich bin überzeugt, dass jede Familie da ihren Weg findet. Und was man nicht vergessen darf: Die meisten Kinder finden kochen super! Wenn wir mal nachmittags kein Programm haben, dann backen wir oft gemeinsam einen Kuchen. Und die Kinder lieben es.

Mit Blick auf Deine Kinder: Magst Du vielleicht ein paar intuitive Aha-Momente am Familien-Esstisch mit uns teilen?

Da gibt es einige! Im Urlaub verlangten meine Kinder zum Beispiel mal nach Pommes. Wir kauften also eine Portion, sie probierten und sagten dann: „Nee, die mögen wir doch nicht.“ Vielleicht war der Geschmack nicht in Ordnung oder sie waren zu salzig, zu fettig. Wir hatten auch schon mal die Situation, dass die Kinder Kakao mit den Worten „schmeckt zu süß“ abgelehnt haben. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie vertrauensvoll die Kinder auf ihre Körpersignale eingehen. Ein anderes Beispiel: Meine Tochter hatte nachmittags ein Eis gegessen. Am Abend war der Hunger dann nicht mehr so groß. Pizza und Nudeln wurden verschmäht, sie griff nur zu Paprika und Karotte. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, wird mir klar: Das sind alles Momente, die kaum vorstellbar sind, wenn am Esstisch viele Regeln und Verbote herrschen…

Zum Abschluss noch drei kurze persönliche Fragen an Dich:

…Dein wichtigster Motivations-Anker, wenn es mal nicht so läuft, wie gewünscht?

Laufen hilft immer! Und eine positive Einstellung zum Leben. Ich versuche, auch aus unangenehmen Situationen einen Gewinn zu ziehen. Warum nicht mal einen anderen Blickwinkel wählen, auch mal umdenken? Das finde ich ganz wichtig. Gleichzeitig habe ich inzwischen gelernt: Wenn die Dinge mal nicht so laufen, hilft auch etwas Abstand, ich plane dann mehr Zeit für mich ein. Aber dennoch bin ich überzeugt: Jedes Tief hat auch etwas Positives!

…der schlimmste „Ernährungstrend“, der Dir je begegnet ist?

Ganz klar: low carb! Das machen leider so wahnsinnig viele Menschen und ich empfinde diesen Trend noch schlimmer als die Low-Fat-Bewegung.

…Dein liebstes Soulfood?

Oh, das muss ich leider passen. Es gibt so viele leckere Dinge, die ich gerne esse…