Cornelia Fiechtl

Die Ernährungspsychologie ist ein spannendes Feld, denn wir erfahren, warum wir essen, wie wir essen. Die Ernährungspsychologin Cornelia Fiechtl hat uns Details verraten – und beantwortet die Frage aller Fragen: Wann essen wir eigentlich gesund?

Cornelia, Du bist Ernährungspsychologin. Laut Definition verbindet dieses Fachgebiet die Ernährungswissenschaften und die Psychologie. Könntest Du uns das vielleicht etwas anschaulicher erklären?

Die Psychologie beschäftigt sich ja in erster Linie mit dem menschlichen Erleben und Verhalten, sprich: Wie motivieren wir uns? Wie treffen wir Entscheidungen? Bei der Ernährungspsychologie dreht sich alles um die Frage: Wie entwickelt sich das Essverhalten und durch was wird es beeinflusst, beispielsweise durch Bedürfnisse. Die Ernährungspsychologie findet häufig im Bereich der Essstörungen Anwendung, also immer dann, wenn ein krankhaftes Bild vorliegt. Der präventive Beitrag der Ernährungspsychologie wird leider sehr stiefmütterlich behandelt.

Wir haben den Eindruck, dass der Einfluss der Psyche auf unsere Ernährung in der öffentlichen Diskussion wenig Beachtung findet. Dass Essen oft ein Ventil für unerfüllte Bedürfnisse ist, wird selten thematisiert…

Ja, das sehe ich auch so. Vor allem das emotionale Essen wird kaum berücksichtigt und das ist ein großes Manko. Wenn ich zum Essen greife, weil ich eine tiefe Leere spüre oder ein geringes Selbstwertgefühl habe, dann müssten Ärzte und Therapeuten genau da ansetzen. Da wird die Ernährungspsychologie leider oft vergessen. Ich würde mir wünschen, dass mit den Menschen mehr an ihrem Essverhalten und der Körperwahrnehmung gearbeitet wird. Auch in der Behandlung von essgestörten Patienten kommt die Ernährungspsychologie meiner Meinung nach zu kurz.

Wie ist Deine Auffassung von einer gesunden Ernährungsweise? Wann isst ein Mensch gesund?

Das ist total schwer zu beantworten, denn eine gesunde Ernährung ist sehr individuell. Für mich bedeutet es: Ich esse das, was mir guttut und was mich physisch und auch psychisch nährt. Würde ich ein Vollkornbrötchen essen und mich danach aufgebläht fühlen, wäre es kein gesundes Lebensmittel für mich. Auch wenn die Ernährungspyramide etwas anderes behaupten mag. Es geht aber nicht nur darum, was ich esse, sondern auch wie. Für mich ist der Genussmoment wichtig. Es macht einen Unterschied, ob ich mein Brötchen unterwegs esse oder ob ich mich zu Hause hinsetze, meine Mahlzeit schön anrichte und mir Zeit für das Essen nehme…

Aus ernährungspsychologischer Sicht: Warum entsteht Übergewicht? Ist das rein die Folge von falschen Ernährungsgewohnheiten? Oder liegt es eher daran, dass wir unseren Körper nicht mehr spüren?

Wir wissen heute, dass es ganz viele verschiedene Faktoren gibt, die auf unser Gewicht einen Einfluss haben, beispielsweise die Gene, aber auch Stress kann eine Rolle spielen. Die Antwort auf die Frage liegt irgendwo in der Mitte: Es greift einerseits zu kurz, zu sagen: Wenn Du gesund isst, wirst Du schlank. Andererseits reicht es meiner Einschätzung nach auch nicht auch, zu sagen: Nur das Körpergefühl ist relevant.

Warum?

Es gibt Menschen, die sich sehr einseitig ernähren. Wenn der Körper viele Lebensmittel schlichtweg nicht kennt, ist es schwer, sich rein auf das Körpergefühl zu verlassen. Das Wichtigste ist aus meiner Sicht, dass die Menschen vielfältig essen und dann lernen, zu spüren: Wie bekommt mir das? Wie geht’s mir nach dieser Mahlzeit?

Du arbeitest mit Erwachsenen zum Thema Körperintelligenz. Was sind dabei die wichtigsten ersten Schritte?

Das ist von Mensch zu Mensch verschieden. In meiner therapeutischen Arbeit setzen wir häufig bei der Frage an: Warum esse ich so, wie ich esse? Dazu gehört auch, die eigene Diätmentalität zu hinterfragen. Bei Menschen, die unter Essattacken leiden, versuchen wir, bestimmte Muster aufzudecken: An welchen Tagen spüre ich den Drang, viel zu essen? Welche Situationen lösen eine Essattacke bei mir aus? Es gibt also keinen universellen Plan, der dazu führt, dass jeder Mensch wieder intuitiv essen kann. Da muss man sehr individuell ansetzen und vorgehen. Auch das Thema Selbstwert spielt in meiner Arbeit eine wichtige Rolle.

Mit welchen Problemen kommen die Menschen in erster Linie auf Dich zu: Diätspirale, Übergewicht, Essstörungen?

Die meisten Menschen, die zu mir kommen, haben ein ganzes Leben lang Diät gehalten und sagen jetzt: Ich kann das nicht mehr und ich will das auch nicht mehr! Viele kommen mit der Hoffnung, dass es einen Weg geben muss, abzunehmen oder das Gewicht zu halten, ohne ständig zu verzichten. Darüber hinaus gibt es zwei Gruppen von emotionalen Essern: Die eine Gruppe bilden Menschen, die nicht genau wissen, warum sie ohne körperlichen Hunger zum Essen greifen. Das kann ein Wunsch nach Anerkennung sein oder das Gefühl, nicht wichtig zu sein, nicht „gesehen“ zu werden. Ich unterstütze die Menschen, ihr Verhalten zu verstehen. Und dann gibt es Menschen, die ganz genau wissen, warum Essen zum Ventil wird aber nicht wissen, wie sie damit aufhören können. Ich arbeite beispielsweise gerade mit einem Mädchen, das wenig Beschäftigung hat und aus Langeweile zum Essen greift. Hier braucht es keine Ursachenforschung, sondern es geht eher darum, zu lernen, den Körper wieder zu spüren und alternative Strategien aufzubauen: Habe ich Hunger oder nicht? Wann bin ich satt?

Das reine Ernährungswissen führt ja in den seltensten Fällen dazu, dass Menschen sich gesünder ernähren, sprich: Dass sie die bewusste Entscheidung treffen, statt Pommes (zu viel Fett!) lieber zwei Äpfel (viele Vitamine!) zu essen. Mal ganz ehrlich: Brauchen wir überhaupt die Ernährungswissenschaften?

Aus meiner Sicht: ja. Die Lebensmittelindustrie setzt Fertigprodukten häufig viele Zusatzstoffe zu. Wir brauchen Menschen, die dies beobachten und forschen, um herauszufinden: Was machen diese Stoffe mit uns? Menschen, die gesund sind und keine Unverträglichkeiten haben, können auf ernährungswissenschaftliche Erkenntnisse gut verzichten. Auch in der Erziehung werden diese Informationen nicht gebraucht. Aber wenn meine Ernährung zu Unwohlsein führt, dann kann es für mich schon wichtig sein, zu wissen: Wo ist was drin? Wenn sich eine bestimmte Symptomatik zeigt, kann auch die Ernährung ursächlich sein: Fühle ich mich schlapp und müde? Dann kann ein Eisenmangel dahinter stecken. Und dann wissen wir, welche Lebensmittel Abhilfe schaffen können. Die Frage ist: Wie setzen wir dieses Wissen ein?

Ernährst Du Dich persönlich eher intuitiv oder eher verstandsorientiert?

Ich bin eine intuitive Esserin. Und das bedeutet für mich eine unglaubliche Leichtigkeit und Freiheit im Umgang mit Essen. Entscheidend ist, was ich spüre, wie ich meinen Körper wahrnehme. Das Schöne ist ja auch, dass das intuitive Essen den Lust- und Genuss-Aspekt zulässt: Selbst wenn ich satt bin, gönne ich mir noch einen Nachtisch, wenn ich darauf wirklich Lust habe.

Wir haben vorhin über Vielfalt beim Essen gesprochen: Teilst Du ein paar Deiner Lieblings-Rezepte mit uns?

Gerne! Ich liebe zum Beispiel Buddha-Bowls, weil so viele verschiedene Lebensmittel und Geschmäcker kombiniert werden. Zum Frühstück hatte ich kürzlich ein frisches Brot mit Avocado, Ei und Kresse – unglaublich lecker! Aber auch Lachs mit Ofengemüse esse ich gerne. Meine neueste Lieblings-Kombination: Linsensalat mit Paprika.

Linktipp:

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