Süßes essen? Ja, aber nur eingeschränkt! Julia war in puncto Naschen lange Zeit sehr strikt. Bis sie plötzlich unter ihrem Sofa einen kleinen Schokoladenpapier-Müllhaufen fand, angehäuft von ihrem damals dreijährigen Sohn. Chronologie eines Wendepunkts.

Es geschah als Paul drei Jahre alt war. Und es passierte genau dann, als ich mit dem Staubsauger unter unser Familien-Sofa tauchte. Üblicherweise finde ich dort Staub. Und Spielzeug. Manchmal auch Dinge, die ich gedanklich schon in die „Für-immer-verschollen-Kategorie“ eingeordnet hatte.

An diesem Tag jedoch entdeckte ich einen kleinen, bunten Müllberg.

Das, was von Kinderriegel, Schoko-Bons, Smarties und Co. übrig war, hatte unser kleinstes Familienmitglied strategisch klug in der hintersten Ecke platziert und präzise angehäuft. Ich unterdrückte den ersten Impuls, meinen Sohn schimpfend mit meiner Entdeckung zu konfrontieren. Auf dem Wohnzimmerboden sitzend kam ich ins Grübeln.

Wie hatte er es geschafft, sich unbeobachtet Süßigkeiten zu nehmen? Warum hatte er mich nicht einfach gefragt? Na gut, ehrlicherweise konnte ich mir diese Frage schnell selbst beantworten: Ich hätte eh nein gesagt. Ich war verärgert und fühlte mich ertappt. Eigentlich sah ich mich nicht in der Rolle der strengen Mutter, die alles verbietet. Aber ich war es wohl doch.

Beeindruckt von dem verwegenen Plan meines Dreijährigen, nicht nur still und heimlich Schokolade zu essen, sondern auch noch ein taktisches Versteck-Manöver dranzuhängen, musste ich mir eingestehen, dass beim Thema Ernährung in unserer Familie etwas falsch lief.

In puncto Zucker waren wir als Eltern recht streng, ja, zugegeben. Gedanklich ging ich die festen Anti-Zucker-Regeln durch, die ich voller Überzeugung und in dem festen Glauben, das Richtige zu tun, eingeführt hatte. Das Nutella-Glas durfte sich beispielsweise nur sonntags auf unserem Frühstückstisch blicken lassen.

Ich zähle nicht zu den Müttern, die aus tiefster Überzeugung zuckerfreien Möhrenkuchen backen, der dann zwar mit rhetorischer Perfektion, aber dennoch erfolglos, angepriesen wird.

Süßes war okay. Aber Süßes stand eben auch an der Spitze der viel zitierten Ernährungspyramide.

Ich geriet gedanklich in Rage. Diese Empfehlungen kommen ja nicht von ungefähr! Es ist doch völlig in Ordnung, dass Eltern gegensteuern, wenn Kinder viel Süßes essen! Das ist doch unsere Aufgabe!

In mir kam ein triumphierendes Gefühl auf: Ich hatte alles richtig gemacht. Ich war überzeugt, dass mein Sohn eine Richtschnur benötigte, wie viel Zucker okay ist.

Viel später erst wurde mir klar, dass er diese Richtschnur schon seit dem Tag seiner Geburt in sich trug.

Ich saß noch immer auf dem Fußboden.

Mein Gedankenkarussel nahm weiter Fahrt auf. Dass mein Sohn mir mit seinem nahezu liebevoll-angehäuften Müllberg eine Botschaft hinterlassen hatte, konnte ich nicht ignorieren. Es war schwer, sich einzugestehen, dass wir mit unseren Verknappungs-Strategien ein Verzicht-Gefühl beim ihm provoziert hatten. Da war er also, der Wendepunkt.

Ich hatte mal gelesen, dass Kinder durchaus in der Lage sind, sich gesund zu ernähren. Die wichtigste Voraussetzung dafür: Die Eltern mischen sich nicht ein. Der Grund für diese wissenschaftlich gestützte These ist simpel: Kinder hören auf ihren Körper. Sie wissen nicht, dass Kohlenhydrate schlecht sind, dass Eiweiß lange satt macht, während zu viel Zucker zu Übergewicht führt und Kalorien sowieso verboten gehören. Sie essen das, was ihnen schmeckt und gut bekommt. Immer dann, wenn sie Hunger haben. Und immer so viel, bis sie satt sind. So einfach.

Mir kamen gleichzeitig Berichte über das Suchtpotential von Zucker in den Sinn.

Kinderärzte, die in Interviews mahnen: „Je mehr Kinder davon bekommen, umso mehr wollen sie haben!“ Ich dachte an Bücher, die den Titel „Zucker – der heimliche Killer“ tragen. Ich sah abwertende Blicke von anderen Eltern auf mir ruhen, während ich (eher kleinlaut statt selbstbewusst) verkündete, dass Zucker bei uns nicht mehr eingeschränkt wird.

Aber es half alles nichts: Ich musste mich entscheiden, wem ich mehr Vertrauen schenken würde. Meinem Kind, das (hoffentlich, bitte, bitte, bitte!) die für sich richtigen Ernährungsgewohnheiten entwickeln wird. Oder Medien, Ernährungsexperten und Ärzten, die mir deutlich machen: Ohne Regeln geht es nicht.

Ich entschied mich für das Vertrauen in mein Kind. Und dann entsorgte ich das Schokoladen-Papier. Dabei hatte ich die stille Hoffnung, dass ich alle Zweifel und Sorgen auch einfach in den gelben Sack werfen könnte.

Inzwischen ist ein Jahr vergangen.

Und ja, soviel darf ich verraten: Diese Geschichte hat ein Happy End. Denn ich sehe, dass unser Sohn sich beim Essen ganz natürlich an seinen inneren Signalen orientiert und mit dem Selbstvertrauen aufwächst, dass sein Körper der beste Ernährungskompass ist, den er hat.

Diese Haltung mag auch für Ihre Familien einen Wendepunkt bedeuten. Aber vielleicht gerät Ihre Welt dann nicht mehr so sehr aus den Fugen, wenn Sie mal Schokoladen-Papier unter dem Sofa finden…