Zucker-Wie kann ein natürlicher Umgang aussehen

Der Zucker hat es heutzutage nicht leicht – er gilt als Dickmacher mit Suchtfaktor. Viele Eltern möchten Süßigkeiten deshalb am liebsten komplett vom Speiseplan streichen. Wie aber kann ein natürlicher und gesunder Umgang ohne Verbote aussehen? Wir erklären es in diesem Beitrag.

Eines vorab: Wir meinen es als Eltern gut, wenn wir Einfluss auf den Zuckerkonsum unserer Kinder nehmen. Dennoch möchten wir anhand eines Beispiels verdeutlichen, dass ein Zuckerverbot häufig nicht dazu führt, dass Kinder sich gesünder ernähren: Wir tauschen uns häufig in den sozialen Medien mit Eltern aus. Eine Mutter schrieb via Facebook: „Wenn meine Kinder Lust auf etwas Süßes haben, essen sie Obst.“ Zuvor hatte sie berichtet, dass sie Zucker verbietet und den Kindern erklärt, dass Zucker ungesund sei und sie eine Alternative finden müssten. Vielleicht erscheint es Ihnen abwegig, aber: Kinder, die so strikt ohne Zucker aufwachsen, haben ein hohes Risiko, Übergewicht zu entwickeln.

Warum ist das so?

Zunächst: Es ist schwer vorstellbar, dass die Kinder aus dem oben genannten Beispiel aus freien Stücken handeln. Wenn Zucker verboten ist und die Nachfrage nach Süßigkeiten mit Sätzen wie „Das ist ungesund, das kaufen wir nicht“ erwidert wird, haben die Kinder nur begrenzt die Chance, zu spüren, wie viel Zucker ihnen tatsächlich guttut. Die mögliche Folge: Es entsteht ein Verzichthunger und immer, wenn sich die Möglichkeit bietet, werden die Kinder mit hoher Wahrscheinlichkeit in puncto Zucker über die Stränge schlagen: bei Kindergeburtstagen, bei der Oma und später, als Teenager, wenn sie sich selbst am Kiosk Süßigkeiten kaufen. Sie haben nicht die Chance, das für sie individuell richtige Maß zu finden.

Wenn sie dann, ausgelöst durch den Verzicht, fünf Schokoriegel auf einmal essen, hat dies nichts mehr mit einem intuitiven Essverhalten zu tun. Hunger und Sättigung werden dabei komplett ignoriert. Denn sie essen die Schokolade nicht, weil sie gerade dringend Energie benötigen, sondern es geht ihnen darum, den Verzicht zu kompensieren – und je häufiger Kinder aus einem Verzichtmotiv heraus zum Essen greifen, umso schwieriger ist es, wieder in die Innensteuerung zurückzufinden. Eine aus dem Gleichgewicht geratene Innensteuerung ist häufig der Grund, weshalb Übergewicht entsteht. Das strikte Zuckerverbot kann also genau das Gegenteil bewirken: das unbeschwerte Essverhalten des Kindes wird gestört.

Wir sehen dies bereits bei kleinen Kindern, die vier oder fünf Jahre alt sind. Wenn Süßigkeiten über einen längeren Zeitraum stark eingeschränkt wurden, kompensieren die Kinder danach, wenn die Regeln gelockert werden, ihren Verzicht mit übermäßig viel Süßigkeiten. Auch Erzieherinnen berichten uns, dass sie immer wieder feststellen, welche Kinder im häuslichen Umfeld auf Zucker verzichten müssen: Wenn ein Kind Geburtstag feiert und es in der Kita Kuchen gibt, essen diese Kinder auffällig viel und deutlich über die Sättigung hinaus.

Dieser übermäßige Konsum pendelt sich, wenn die Regeln aufgehoben werden, in den meisten Fällen nach ein paar Tagen oder Wochen wieder ein, wenn die Eltern eine Vielfalt anbieten und es schaffen, empathisch und liebevoll auf die Ernährungsgewohnheiten ihrer Kinder einzugehen. Eine Mutter aus einer Coaching-Familie berichtete uns Folgendes: Sie selbst hadert mit ihrem Gewicht und hat große Sorge, dass ihre Kinder übergewichtig werden könnten. Diese tiefe Angst führte dazu, dass sie zu Hause nur Süßigkeiten vorrätig hielt, die den Kindern nicht schmeckten, wie beispielsweise dunkle Schokolade. Eines Tages, die Tante kam zu Besuch und es wurden Süßigkeiten verteilt, aß ihr Sohn (3 Jahre alt) so viel, dass er sich erbrechen musste.

Motiviert durch unser Coaching lockerte die Mutter die Beschränkung von Süßem. Sie berichtete, wie ihre Kinder über mehrere Tage hinweg jeden Morgen zum Frühstück Eiscreme verlangten. Ihrem Mann fiel es schwer, diese Entwicklung gut zu heißen, er blieb aber ruhig, nachdem ihm seine Frau die Hintergründe erläutert hatte. Was passierte nach wenigen Tagen? Die Kinder kehrten von sich aus zu einem „normalen“ Frühstück zurück. Der Reiz des Verbotenen war dahin, sie konnten sich nun wieder ihren tatsächlichen Vorlieben widmen.

Wie kann ein natürlicher Umgang aussehen?

Als Eltern sollten wir uns immer wieder vor Augen führen: Unsere Welt ist komplex. Industriezucker wird es weiterhin geben. Wir verstehen sehr gut, dass Eltern angesichts der aktuellen Verteufelung des Zuckers in Sorge sind, das eigene Kind könne zu viel Süßes essen und dadurch zu dick oder schlimmstenfalls sogar krank werden. Aber ein Verbot kann nicht die Lösung sein. Denn Verbote führen zu einem übermäßigen Konsum. Und ja, das macht dick. Und krank. Vielleicht ist es in dem oben geschilderten Beispiel aber auch tatsächlich so, dass die Kinder wirklich lieber zu Obst greifen, wenn sie etwas naschen möchten. Das ist nicht unmöglich, erscheint aber doch unrealistisch.

Mit großer Sorge beobachten wir hier noch eine andere Tendenz: nämlich die, dass Kinder in eine Überanpassung geraten – selbst beim Kindergeburtstag lehnen sie (scheinbar aus freien Stücken) den Kuchen ab oder sie kritisieren die ungesunden Pausenbrote der anderen Kinder. Leider ist gerade bei diesen Kindern die Gefahr sehr hoch, dass sie eine Essstörung entwickeln, beispielsweise Orthorexie.

Unsere Kinder greifen auch häufig zu Banane, Apfel oder Himbeere, wenn sie hungrig sind. Aber mindestens genauso oft verlangen sie nach Schokolade. Und das ist okay, solange wir das Gefühl haben, dass sie die Schokolade aus körperlichem Hunger essen. Entscheidend ist, dass jedes Kind die Chance hat, für sich ganz individuell herauszufinden: Wie viel Zucker tut mir gut? Dabei sollten Eltern es auf liebevolle und wertschätzende Weise begleiten. Und dann kann auch ein natürlicher Umgang mit Zucker gelingen, der nicht von Bevormundung und Verboten geprägt ist, sondern der die Körperintelligenz von Kindern in den Mittelpunkt rückt.

Es geht dabei um einen achtsamen und empathischen Umgang. In der Familie intuitiv zu essen bedeutet nicht, dass alles unreflektiert erlaubt wird und die Kinder sich selbst überlassen werden im Sinne von: Wenn mein Kind doch spürt, was es braucht, muss ich mich um das Thema Ernährung ja nicht mehr kümmern. Auch diese Haltung lässt eine Bedürfnisorientierung nicht zu. Ein Erfahrungsbericht von Katharina:

Vitus (3 Jahre) ist müde und quengelig. Er hatte einen anstrengenden Tag, kurz zuvor hatte die Schnullerfee ihm sein Hilfsmittel zur Beruhigung genommen. Da sagt er etwas hilflos, nichts mit sich anfangen zu wissend: „Ich möchte ein Nutella-Brot.“ Ich blieb ruhig, versuchte ihn zu trösten, denn ich vermutete, dass er keinen Hunger hatte. Wenige Sekunden später sagte er „ich möchte fernsehen“, wieder kurz darauf  „ich möchte schlafen“. Er konnte offenbar in diesem Moment überhaupt nicht greifen, was ihm gerade guttun würde. Wir entschieden uns dann, eine Runde zu kuscheln und uns auf dem Bett auszuruhen. Nach kurzer Zeit wollte er, ausgeruht und nun wieder energiegeladen, ein Spiel spielen. Hier wäre es also ganz falsch gewesen, sein Ruhebedürfnis mit Süßem zu begegnen.

Unsere Welt ist, wie sie ist. Warum nicht also auch in puncto Ernährung einen bedürfnisorientierten, achtsamen und gelassenen Ansatz wählen, der den Kindern Selbstvertrauen vermittelt? Hier unsere Tipps für einen vertrauensvollen und selbstbestimmten Umgang mit Zucker:

Dem Zucker keinen besonderen Stellenwert geben.

Versuchen Sie, zu verinnerlichen, dass Süßigkeiten Lebensmittel sind wie jedes andere auch. Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind und auch die gesellschaftlichen Standards betrachten, ist es gar nicht so leicht, Süßes nicht mit Emotionen zu verknüpfen: den Nachtisch gibt es als Belohnung, die Schokolade hilft als Tröster, am Kindergeburtstag gibt es extra viel Süßes, verschiedene Kuchen und süße Getränke und wenn wir uns bei jemandem bedanken möchten, verschenken wir Pralinen. Wir möchten diese Dinge nicht verteufeln. Es ist aber dennoch hilfreich, diese Mechanismen zu reflektieren und sie nicht als unveränderbar anzusehen. Ein Beispiel: Der Kuchen ist toll, weil er besonders schön aussieht, aber nicht, weil es sonst nie Kuchen gibt. Auch am Geburtstag darf das Buffet für kleine und große Gäste Obstsalat und Rohkost bereithalten. Und bitte: Niemals mit Süßigkeiten belohnen oder bestrafen!

Den Wunsch nach Autonomie berücksichtigen.

In der Regel lieben Kinder es, wenn sie sich selbst eine kleine Mahlzeit zubereiten können. Sie haben den Wunsch nach Autonomie, möchten auch in puncto Essen selbstständig werden. Deshalb sollten Süßigkeiten nach Möglichkeit nicht so gelagert werden, dass sie für Kinder am leichtesten zugänglich sind. Denn dann wird oft aus anderen Gründen als aus körperlichem Hunger danach gegriffen: Langeweile und, wie gesagt, ein Autonomiewunsch können auch ausschlaggebend sein. Wie so oft gibt es auch hier kein Patentrezept. Bleiben Sie achtsam und fragen Sie sich, warum das Kind Süßigkeiten essen möchte. Weil es schnell Energie braucht? Oder weil es sich langweilt? Wenn Ihr Kind sich beispielsweise von einem Wunsch nach einem Eis durch ein gemeinsames Spiel ablenken lässt, können Sie sicher sein: es war kein körperlicher Hunger im Spiel.

Bedürfnisse offen spiegeln.

Je nach Alter dürfen und sollten Sie Ihrem Kind offen sagen, wenn Sie den Eindruck haben, dass es gerade eigentlich gar nicht hungrig ist. Vielleicht versuchen Sie es mit einer Aussage wie „Ich habe das Gefühl, dass Du gar nicht hungrig bist und jetzt aus Langeweile nach einem Eis fragst.“ Wie bei der Auswahl der Lebensmittel geht es auch hier darum, dass Sie versuchen, Alternativen anzubieten. Bleibt Ihr Kind beharrlich und lässt sich von dem Eis nicht „abbringen“, dann können Sie sicher sein, dass es tatsächlich Hunger auf ein Eis hat. Und dann ist das Eis auch völlig okay, wenn es Ihrem Kind gut bekommt.